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In Tirol gibt es zu "Peru" eigentlich nur eine Assoziation:
Die Partnerschaft der Gemeinden Silz und Haiming mit der "Urwald-Gemeinde"
Pozuzo. Mehr oder weniger vergessen ist hingegen, dass eine besondere Marke
dieser Oberinntaler Gemeinden ihre Urheimat in Peru hat: Die Kartoffel.
Die Kartoffel wuchs und wächst in Peru und Chile seit jeher sogar "wild".
Angebaut wurde sie in den westlichen Küstenländern Südamerikas
nachweislich schon lange vor der Ankunft der Eroberer. Zarate Acosta, ein
spanischer Schriftsteller, der 1514 Peru bereiste, beschrieb die Kartoffel
als eines der dort üblichen Nahrungsmittel. Die Spanier brachten die
Kartoffel in ihre Heimat und von da wanderte sie nach Italien, wo sie gegen
Ende des 16. Jahrhunderts unter dem Namen taratuffi (Erdtrüffel, daher
der Name "Kartoffel") ziemlich bekannt war. John Hawkins importierte
sie 1586 nach Irland. Charles de l´Escluse (Clusius), Professor der
Akademie von Leyden, beschrieb sie 1588 in einer Darstellung seltener Pflanzen,
wobei er bemerkte, in Italien sei die Kartoffel bereits so verbreitet, dass
man mit diesen Früchten auch Schweinen füttere. Nach London wurde
sie direkt aus Virginien durch den Admiral Drake gebracht, der sie zuerst
in den englischen Kolonien Nordamerikas eingeführt hatte, sie wurde
aber vorerst von den Briten nicht beachtet. Erst 1628, als sie zum zweiten
Male, diesmal durch Walter Raleigh, nach England gebracht wurde, verbreitete
sich ihr Anbau auf den britischen Inseln. Nach Humboldt setzte der Siegeszug
der Knollen ab 1717 in Sachsen, ab 1728 in Schottland und ab 1738 in Preußen
ein; nach der großen Hungersnot von 1771 wurde ihr Anbau in allen
Regionen Deutschlands forciert.
Von Süddeutschland aus dürfte der erste Impulse für den
Kartoffelanbau in Tirol gekommen sein. So ist zum Beispiel für das
Jahr 1788 der Kartoffelanbau im Lechtal belegt, im Inntal hingegen noch
nicht. Auch im Jahre 1802 wurde ihr Anbau noch nicht in allen Landesteilen
praktiziert. In Südtirol war der Kartoffelanbau damals noch unbedeutend,
im Lechtal hingegen übertraf um diese Zeit die Kartoffelanbaufläche
schon die Anbauflächen der einzelnen Getreidearten. Im Oberinntal
gewannen die Erdäpfel im ersten Quartal des 19. Jahrhunderts stark
an Bedeutung. Auslöser dieser beschleunigten Entwicklung war das
Katastrophenjahr 1816. Johann Jakob Staffler führte 1839 in seiner
Landesbeschreibung an, die Kartoffelanbaufläche habe sich in den
letzten 30 Jahren um mehr als die Hälfte vergrößert; in
einigen Gegenden Tirols, vor allem im Oberinntal sei sie zur "wahren
Brotfrucht und überall zum sichersten Schutzmittel gegen eine Hungersnot
geworden".
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Es dauerte auch in Tirol eine geraume Zeit, bis die Kartoffel
in ihrem hohen Werte für die Ernährung der Menschen erkannt und
dementsprechend geschätzt wurde. Der Erdapfel galt nämlich lange
als untergeordnete Fruchtgattung, die auf manchem Bauerngut überhaupt
nicht angebaut wurde. Sooft man etwas Minderwertiges bezeichnen wollte,
musste der verachtete Erdäpfel herhalten, den man mit allerlei Spottnamen,
z. B. "Natschenfutter" oder "Arrestantenzöbl",
belegte. Kurzum: Niemand wollte ein Erdäpfelpatscher sein!
In den Anfangsjahren des Kartoffelanbaues in Tirol wanderte der größte
Teil der Ernte in die Futtertröge, meist für die Schweine. In
der Küche wussten viele Bäuerinnen mit den Erdäpfeln nichts
rechtes anzufangen; man brachte sie halb gesotten auf den Tisch und löffelt
dazu Milch. Als man anfing, sie auch in anderen Speisen, z.B. in Mehlspeisen,
zu verwenden, erregte das bei den Dienstboten und Nachbarn Anstoß
und böse Reden.
Dazu Anekdoten aus dem Unterland, wo die Abneigung gegen die neue Frucht
größer gewesen sein soll als im als konservativ bekannten Oberinntal:
"D´ Easchdäpfi", sagte einmal ein Knecht, als zum ersten
Male Erdäpfelnudeln aufgetragen wurden, " d´Easchdäpfi
wern a oiwei gschaftiga". "Wia so?" - "Wie s´
überoi dabei sein müass´n."
Als in Stans (bei Schwaz) der als Volksdichter bekannte Stögerbauer
Hans Obrist (1759 - 1834) den Anbau der Kartoffel einführte, wollten
ihm die Dienstboten nicht mehr bleiben und es sprach sich herum, beim Stöger
gebe es eine "Fackenkost".
War ein schweres, hageldrohendes Gewitter im Anzug, so konnte man sagen
hören: "War hoit recht, wenn´s von unt auffa ei´schlaget!",
d. h. um die Erdäpfel wäre nicht schade.
Aber dieses Unwetter "von unt auffa" ist dann in Schwoich wirklich
gekommen, und zwar in Gestalt einer furchtbaren Engerlingplage, die, wie
dort die Ältesten des Dorfes zu berichten wussten, einige Jahre nacheinender
hauste und fast die ganze Kartoffelernte vernichtete.
Das Misstrauen gegen die neue Pflanze war aber auch in anderen Regionen
Europas breit und ließ allenthalben bizarre Auswüchse keimen.
Zwei Beispiele:
In Frankreich wurde noch im 18. Jahrhundert der Anbau in einigen Regionen
verboten, Das Parlament (Oberster Gerichtshof) von Besancon fällte
folgendes Urteil: "In Anbetracht, dass die so genannten Erdäpfel
eine schädlich Frucht sind und ihr Genuss den Aussatz hervorrufen kann,
verbieten wir hiermit ihren Anbau in unserem Lande bei schwerer Strafe."
In Russland waren die "Altgläubigen" der Kartoffel nicht
wohl gesonnen. Sie meinten, die Kartoffel sei "die verbotene Frucht,
welche die beiden ersten Menschen aßen. Jeder, der die Kartoffeln
esse, sei Gott nicht gehorsam, verstoße gegen die Heilige Schrift
und komme niemals in das königliche Himmelsreich". Auch sei die
Kartoffel aus dem Körper der Sünderin und aus der Spucke des Teufels
entstanden. Deshalb sei es allen Christen verboten, die Kartoffel zu essen.
- Davon überzeugt ganz überzeugt zerstörten im die Bauern
in Bykovskii Jahre 1842 die Kartoffelfelder und pflanzten Hafer an. |
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